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Dritter Sonntag der Osterzeit

Auf vielfachem Wunsch zum Nachlesen:

Meditation „Der Herr am Ufer“

zu Joh 21, 1 – 14

Wenn wir am Ende sind mit unsrer Kraft,

mit unsrer Hoffnung, dass ein neuer Morgen kommt.

Wenn wir enttäuscht die Hände sinken lassen

und meinen: alle Arbeit war umsonst.

Wenn unsre Netze leer sind, leer wie unsre Hände …

Wenn etwas uns gelingt, womit wir nicht gerechnet,

wenn etwas uns geschenkt wird – unverdient.

Wenn es so viele Gründe gibt zum Danke-sagen …

Wenn wir an Menschen denken, die der Hunger quält,

denen der Reis fehlt und der Fisch, ihr täglich Brot.

Wenn wir an jene denken, die nach Liebe hungern,

nach Anerkennung, Zärtlichkeit, Gerechtigkeit.

Wenn wir an unsre eigne ungestillte Sehnsucht denken …

Wenn uns die Schuld bedrückt, weil wir verleugnet haben

oder verraten, oder einfach nur vergessen.

Wenn uns ein Name einfällt, den wir schwer enttäuscht,

den wir zu wenig liebten, dem wir Unrecht taten,

Wenn wir uns fragen, ob wir dich wohl lieben, Gott …

Wenn wir zurück an unsre Jugend denken,

an unsre Pläne, die Begeisterung, den Schwung von einst.

Wenn wir uns heute sehen und bedenken,

was denn die Früchte sind aus allen diesen Knospen.

Wenn wir versuchen, mühsam das zu lernen jetzt:

mich führen lassen, wohin ich nicht will,

und trotzdem dieser Führung zu vertrauen …

Wenn wir uns sammeln jetzt um einen schlichten Tisch,

auf dem nichts steht als etwas Brot und Wein,

ein Bissen nur, ein Schluck zum Überleben.

Wenn wir das alles, was sich angesammelt hat in uns

an Hoffnung und Enttäuschung der vergangenen Woche

zusammenfassen in die knappe Bitte:

„Herr, bleibe bei uns!“ –

jetzt in dieser Stunde und gleich, wenn wir hinausgehen,

und morgen, wenn der graue Alltag wieder kommt …

Hermann Josef Coenen
(Kath. Theologe, Pfarrer / 1932 – 1999)

Fotos: Renate Steffelbauer